Wenn Tränen fließen wegen einem Paket Zucker - 1. Auslandseinsatz in der Stadt Korsun

Im Oktober 1991 ging es mit meinem Kameraden Detlef Weber zu einer aufregenden Fahrt in die Ukraine. Vor uns lagen nun mehr als 2500 Kilometer Anfahrt. Vier Tage waren dafür eingeplant. Die Fahrt auf dem Bock unseres Mercedes Rundhauber war allein aufgrund meiner Länge schon eine Herausforderung. Doch die Aufgabe Hilfsgüter und medizinische Geräte an Hilfsbedürftige zu überbringen beflügelte uns dermaßen, dass wir uns der Herausforderung stellten. Die Güter sollten wir in Gifhorn laden und von dort aus mit einem Konvoi zu deren Partnerstadt Korsun bringen.

Die Konvoifahrt im Verbund mit 14 Fahrzeugen, welche alle mit Blaulicht fuhren, war sehr imposant. Fuhren wir in Deutschland noch ohne Begleitung, fuhr ab Polen die Polizei vorweg. Ein höllischer Ritt durch Warschau. An der Grenze zu Weißrussland rutschte einem schon das Herz in die Hose. Mit der Kalaschnikow im Anschlag wurden wir empfangen. Wenn da der Einheitsführer nicht richtig reagiert hätte,..... man weiß es nicht. In der Ukraine war die Infrastruktur dürftig und die Straßen mehr als schlecht. Das vorausfahrende Fahrzeug musste schnell reagieren. So hatten z.B. Bahnüberführungen nur die Schienen, keinen Asphalt.

Das Tanken dort war gegen jede Umweltvorschrift in unserem Land. Tanken konnte man nur genau 5000 Liter Sprit. Keinen Tropfen weniger. Und ich meine wirklich „keinen“. Der Rest wurde in die Natur gekippt. Unbegreiflich!

In unserem Lager angekommen, bezogen wir erst mal Quartier. Auf´s Bett legen und kurz eindösen - wie herrlich nach der langen Fahrt im engen Rundhauber. Danach ging es ab in die Stadt und zu unserem Gastgeber, der zum Essen lud. Schnitzel mit Kraut. Zu trinken gab es wie immer Wodka, selbstverständlich aus dem Becherglas.

Am nächsten Tag haben wir uns dann mit den Dolmetschern getroffen und unsere Tour besprochen. Unsere Fahrzeuge waren ja voll mit Lebensmittelpaketen und diese galt es zu verteilen. Mir wurde Alina mit aufs Auto gesetzt. Sie kannte sich aus und sprach sehr gut Deutsch. Mit ihr hatte ich auch das ergreifendste Erlebnis auf dieser Reise. Es war Winter. Wir hielten vor einem altem Haus und ich schnappte mir eines der Pakete. Alina öffnete die Tür und ich hinterher. Als ich den Raum betrat war da ein Mütterchen. So wie man sich ein altes Mütterchen vorstellt. In der hinteren Ecke lag ein alter Mann in seinem Bett und hustete vor sich hin. Vor dem Mütterchen ein Hackklotz, darauf ein Huhn und schwupp... war es auch zu Ende mit ihm. Als sie sah, was wir Vorhaben, packte sie alles weg und bot uns eine Tasse Tee an. Gastfreundlichkeit über Alles. Als sie nun Ihr Paket öffnete, kamen Ihr die Tränen und uns auch. Es war wegen einem Paket Zucker! Es war für sie so wertvoll! Mehr als Geld und Kostbarkeiten. Alles wegen ein paar einfacher Lebensmittel. Ich war schwer beeindruckt.

In einem anderen Fahrzeug war ein Zahnarztstuhl für das Kreiskrankenhaus in Korsun. Das Krankenhaus war für ca. 250000 Menschen ausgelegt. Wir bauten dort eine komplette medizinische Einrichtung für die zahnärztliche Behandlung auf. Sehr schwieriges Unternehmen, da nicht nur die elektrische sondern auch die pneumatische Versorgung ganz anders war wie hier in Deutschland. Die Jungs, die es aufbauen mussten, hatten schwer zu tun. Die ersten Patienten warteten schon. Sie kamen nach fünf Tagen mit strahlenden Zähnen raus und waren überglücklich.

Die Gastfreundschaft war riesig. Wir waren Teil einer Tanzvorführung.Machten eine Fahrt nach Kiew u.v.m. Es waren unvergessliche Erlebnisse über die ich noch Seiten mehr schreiben könnte.

Nach sechs Tagen wurde die Heimreise angetreten. Auch der Rückweg war beschwerlich. Aber mit dem Gedanken etwas Gutes getan zu haben, nur noch halb so schwer. Die Städtepartnerschaften bestehen immer noch. Die Städte veranstalten einiges miteinander und tauschen sich aus. Das THW hat jahrelang Hilfsgüter nach Korsun gefahren. Wir durften Teil einer tollen Hilfeleistung sein und wären jederzeit bereit wieder ins Auto zu steigen und zu helfen.

Die Jahrhundertflut an der Oder - Mein erstes Hochwasser

Juli 1997 Handys waren noch nicht allgegenwärtig, wir zahlten mit DM und auf der Baustelle lief den ganzen Tag das Radio. Beunruhigend waren die Nachrichten über den andauernden Regen und dem steigenden Wasserstand der Oder. Die Oder war weit weg.

Das dachte ich damals zumindest. Ich war nun schon 8 Jahre beim THW OV Jever, davon ca. 3 Jahre als Helfer im Einsatz. Ich war schon einige Einsätze gefahren. Das Wasser der Oder setzte auch unseren OV in Habachtstellung und so verfolgten wir alle gespannt die Meldungen. Jedes Klingeln des Telefons könnte etwas Schlimmes bedeuten. Unser Kamerad Kirchgeorg war schon eine Woche in dieser Region im Einsatz. Er erlebte dort die erste Flutwelle. Seine täglichen Berichte waren unglaublich – Stoff für einen Blockbuster: „Kampf gegen Wassermassen, zusammengebrochene Strom- und Telefonnetzte, kein Trinkwasser ohne Aufbereitungsanlagen des THW, Streit der Behörden um Zuständigkeiten, Bürger, die eng mit Hilfskräften zusammenarbeiteten, tiefe Dankbarkeit der Anwohner gegenüber den Hilfskräften“. Unterstützt wurden diese Nachrichten aus erster Hand durch die Bilder im TV. Aber: Die Oder ist sehr weit weg.

Dann klingelte das Telefon wirklich. Der erste Einsatzauftrag für unseren OV. 400.000 Sandsäcke mussten in das Krisengebiet Frankfurt/ Oder gefahren werden. Dabei halfen zwei unserer LKW-Fahrer. Nur 4 Tage später kam der nächste Anruf: 78.000 Sandsäcke müssen an die Oder. Wieder unterstützte der OV Jever mit Fahrern. Mittlerweile waren ständig 350 THWler aus Niedersachsen und Bremen beim Oder – Hochwasser im Einsatz. 24/7. Unsere Aufmerksamkeit stieg. Es gab nur noch dieses eine Thema. Ende Juli der 3. Anruf. Der Versorgungstrupp wird durchgetauscht. Zwei Kameraden -darunter mein Bruder- fuhren nach Selow, um die Logistik zu sichern und bei der Versorgung von 40 Leuten zu helfen. Spätestens jetzt war die Oder nicht mehr ganz so weit weg. Weitere Kameraden folgten, um die Führungs- und Kommunikationsebene zu unterstützen. Nach einer Woche und dem 4. Anruf fuhr ich mit anderen Kameraden los, um meinen Bruder mit seiner Crew abzulösen. Nun war die Oder sehr nah. Die Not war erdrückend. Viele Helfer blieben länger als die angesetzte Einsatzwoche. Jede helfende Hand wurde gebraucht.

Als ich das erste Mal die Oder sah war ich erschrocken über die Macht des Wassers. Häuser, die bis in den ersten Stock im Wasser standen, Straßen und Landschaften, die komplett vom Wasser verschlungen waren, machtlose Blicke von Anwohnern, ertrunkenen Tiere, die an mir vorbei trieben, kein Strom, kein Trinkwasser. Rund um die Uhr halfen wir bei der Versorgung. Wir verbauten zusammen mit der Bundeswehr und anderen Hilfsorganisationen Sandsäcke, stabilisierten und sicherten Deiche. Das Wasser war überall. Mir war nicht klar, ob wir den Wassermassen Herr werden können. Die Verzweiflung der Anwohner war allgegenwärtig. Ein kleiner Lichtblick erreichte uns in unserer Erschöpfung, als ein bekannter Pizzahersteller seine „Pizzabackstrasse“ aufbaute und uns einen Tag mit Pizza „allyoucaneat“ versorgte.

Parallel zu Not und Elend entlang der Oder fand das 23. ASF statt. Gerade zurück von der Oder war ich mit weiterem Helfer des OV Jever zur Stelle, um verlässlich wie eh und je bei der Absperrung zum Fest zu helfen. Das JeWo startete eine Spendenaktion. 74000DM in 7 Tagen!!! BM Lorenzen schrieb einen Dankesbrief für die Leistung an der Oder. Diese aufmunternden Aktionen erreichten uns am Rande.

Denn schon kurz nach dem ASF erreichte mich der mittlerweile 5. Anruf. Sofortiger EINSATZbefehl - 10 Tage Oderhochwasser. Ich ließ meine Kelle in den Mörteleimer fallen, sprang in meinen Golf und verlies sofort die Baustelle. Zu Hauses prang ich schnell nochmal unter die Dusche – es sollte für viele Tage meine letzte Dusche gewesen sein. Schnell die Tasche gepackt und ab zum OV. 10 Helfer der Bergungsgruppe des OV Jever waren angefordert worden. Wir trafen die letzten Vorbereitungen und schlossen und mit dem GKW und einem Kleintransporter dem Konvoi nach Wiesenau an. Die OV Nordenham, Oldenburg, Norden und Wilhelmshaven waren mit von der Partie. Ich freute mich, dass ich wieder die Möglichkeit erhielt, den Menschen vor Ort zu helfen. Mir war die desolate Situation von meinem ersten Aufenthalt dort sehr bewusst.

Unser Einsatzauftrag lautete: „neue Leitungen verlegen, dringend gebrauchte Wege neu anlegen, Wohn- und Lebensbedingungen verbessern und Aufräumarbeiten koordinieren“. Schon während der Fahrt fanden erste Besprechungen statt. Immer wieder erreichten uns neue Meldungen. Die Aufregung legte sich nicht. Sofort nach unserer Ankunft richteten wir unser provisorisches Lager in einer Schule ein und erfüllten unsere ersten Einsatzaufträge. Wir ruhten, wo wir gerade waren. Die Dankbarkeit der Bevölkerung war immens. Am Ende sollten wir auch noch etliche Keller leergepumpt, Gebäude von Hausrat befreit und Sandsäcke zurückgebaut haben. Insgesamt waren während des gesamten Einsatzes 24/7 350 KameradInnen aus Niedersachsen und Bremen im Einsatz.

Folgende Aufgaben wurden erfüllt: Keller auspumpen Öl-Wassergemisch absaugen Zerstörteten Hausrat aus Gebäuden entfernen Stroh aus 19 Scheunen entfernen 8 einsturzgefährdeter Gebäude abreißen Die Stromanlagen in 120 Gebäuden überprüfen 73 Häuser mit Strom versorgen 6t verendeten Fische abschöpfen Nebenarme mit Sauerstoff anreichern, um Fische zu retten Behelfsbrücke anlegen Fäkalien abpumpen zehntausende Sandsäcke entfernen Neue Schotterwege anlegen Bootseinsätze für die Bevölkerung, Polizei und Behörden Transportfahrten für Bundeswehr und Bundesgrenzschutz.

Im Oktober erreichte uns der Dank des brandenburgischen Innenministers Kanther in Form einer Urkunde und Medaille. Diese wurde in einem feierlichen Rahmen von Frau Evers-Mayer überreicht. Wir waren stolz wie Bolle geholfen zu haben. Im Nachhinein wurde uns das ganze Ausmaß dieser Naturkatastrophe erst bewusst. Auch die Arbeitgeber erreichte eine große „Danke-Aktion“ in Form von Plakaten.

Dieses war mein erstes Hochwasser. Später war ich noch bei weiteren Hochwasserkatastrophen im Einsatz, z.B. an der Elbe. Aber dieses erste Hochwasser war ein unvergessliches Erlebnis, welches mich darin bestätigte, weiter aktiv im Katastrophenschutz tätig zu sein. Wir wussten nicht, dass dieses der größte Einsatz der bisherigen THW-Geschichte wird.

Ich kann nur hoffen, dass mittlerweile die Deiche gut gesichert und weitere Maßnahmen ausreichend getroffen wurden. So eine Katastrophe darf nie wieder passieren. Nirgendwo.

 

Meine Ausbildung zum Atemschutzgeräteträger

Hallo,

ich bin Uwe Simond, 38 Jahre alt, Schirrmeister und Kraftfahrer beim THW OV Jever. Beruflich bin ich bei der Stadt Jever als Stadtarbeiter auf dem Bauhof angestellt.

Neben der Grundausbildung, die jeder THWler absolvieren muss, habe ich die Ausbildung zum Atemschutzgeräteträger (AGT) absolviert und das kam so:

2018 hatten wir zu wenig Atemschutzgeräteträger im OV und ich bin gefragt worden, ob ich das machen möchte. Ich sagte zu, ohne zu wissen, was in der Ausbildung auf mich zu kommt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich überhaupt noch keine Erfahrung mit dem Thema Atemschutz. Es war sozusagen „mein erstes Mal".

Tja, nun ging es gemeinsam mit meinem Kameraden auf nach Oldenburg zur RST (THW Regionalstelle Oldenburg). Drei Wochenenden umfasst diese Ausbildung. Jeweils von Freitagabend bis Sonntagnachmittag. Drei Wochenende Spaß mit den unterschiedlichsten Kameraden aus dem ganzen Bereich der RST Oldenburg und ein Helfer aus Bremen.

Der Theorieblock umfasst die Ausbildung und das Grundwissen in Themen wie z.B. Atemtechniken, Atemgifte, Verhalten bei Notfällen oder Panik bei Atemschutzeinsätzen, Rettungstechniken und Atemschutzgeräte. Das war ganz schön harter Tobak! Auf der einen Seite war selbst die Theorie sehr interessant, auf der anderen Seite aber auch sehr anstrengend neben dem normalen Berufsleben am Wochenende die Schulbank zu drücken.

Im praktischen Teil der Ausbildung durften wir dann richtig ran. Endlich weg vom Schreibtisch! Die Umsetzung der Theoriethemen in die Praxis erwies sich gar nicht so einfach. Der sprichwörtliche Unterschied zwischen Theorie und Praxis. In zahlreiche Übungen und Simulationen trainierten wir unser Wissen und unsere Kondition und gelangten häufiger an unsere Grenzen als gedacht. Vorbereitung vor Einsätzen und Überprüfung der Atemschutzgeräte (Schnelleinsatzprüfung), Personensuche in dunklen oder verrauchten Gebäuden, Personenbergung aus Trümmern, Rettungstechniken verunfallter Atemschutzgeräteträger bei Einsätzen, Zusammenhalt im Team uvm. Diese Dinge müssen für den Ernstfall sitzen. Auch wenn es total easy aussieht, ist es das auf keinen Fall. Denkt nur mal daran mit euren FFP2-Masken Joggen zu gehen. Das ist ein Klacks gegen das Tragen des Atemschutzgerätes. Und dann noch in Dunkelheit, Rauch und/oder Trümmern. Die praktische Ausbildung ging bis in die späten Abende.

Am Ende des letzten Wochenendes fand die Leistungsprüfung in Theorie und Praxis bei der Berufsfeuerwehr Oldenburg statt. Wir waren schon ziemlich aufgeregt. Nach der Leistungsprüfung bei der Feuerwehr ging es zurück zur RST. An 6 verschiedenen Stationen zeigten wir unser Können. Der strenge Blick der Prüfer mit Zettel und Stift erhöhte den Druck ungemein. Löschen von Feuer, Personenrettung aus dunklen/verrauchten Gebäuden. Adrenalin pur. Insgesamt wurden am Prüfungstag 6 Flaschen mit Atemluft pro Personen geleert. Jeder Atemschutzgeräteträger weiß, was es heißt eine Flasche im Einsatz zu leeren. Diese Ausbildung war eine überwältigende Erfahrung für uns alle und hat nebenbei auch unsere Kameradschaft enorm gefestigt. Natürlich waren die Atemluftflaschen nicht die einzigen Flaschen, die an den Wochenenden geleert wurden.

Mindestens einmal im Jahr findet eine Belastungsprüfung in einer Atemschutzstrecke der Berufsfeuerwehr, sowie Einsatzprüfungen bei Übungen statt. Auch die jährlichen Belehrungen dürfen natürlich nicht fehlen.  Fazit: Die Ausbildung war sehr hart und anstrengend, aber auch sehr gut.  Hiermit möchte ich aber auch meiner Frau und Tochter danken, die in der Ausbildungszeit ziemlich zurücktreten mussten. Ich hoffe, die Bilder verschaffen euch einen kleinen Einblick in diese Ausbildung, die ich absolvieren durfte.

MfG

Uwe